Yoga & Meditation in Schenefeld

 

Was heißt es, gut zu sein?

 (Am Strand von Benaulim - Goa)


“Was kann ein Mensch tun, was können wir tun, um eine völlig andere Gesellschaft zu schaffen? Dies ist eine sehr ernste Frage...Es gibt keinen Führer, keinen Lehrer, keine Autorität (der diese Frage beantworten kann -W.D.G.) Da bist nur du – deine Beziehung mit anderen und der Welt – nichts sonst. Wenn du das erkennst, führt  das entweder zu großer Verzweiflung... oder, erkennend, dass niemand anderes als du selbst verantwortlich bist für die Welt und für dich, was du denkst, fühlst und  tust, dann verschwindet  alles Selbstmitleid.” J Krishnamurti, Freedom... S.9 f


Auf das offene Meer hinausblickend, die angenehme Sonne und den milden Wind auf der Haut spürend, treten Gedanken an die Fragilität und Flüchtigkeit und auch die Leibhaftigkeit des Lebens zurück zugunsten der Anwesenheit in einem optimalen Umfeld. Doch auch hier ist die Welt mit ihren scharfen Kontrasten und ihrer grundsätzlichen körperlichen Bedingtheit nicht ganz abwesend. Als Boten aus einer ganz anderen Welt kommen Verkäufer und Bettler vorbei und rufen in mir die Frage hervor nach meiner Rechtfertigung für dieses faule und gedankenlose Herumliegen in der Sonne, meine Freude am Glitzern und Rauschen der Wellen und das Staunen über den sanften Gleitflug der Seeadler und Bussarde. Die Schule, an der ich hier in Indien unterrichte, ist weit weg, meine Gedanken sind nicht scharf auf irgendwas bezogen, was ich in baldiger Zukunft zu erledigen haben könnte, auch innerhalb unserer Vierergruppe dominiert  eine Art von entspannter Harmonie, so dass die Gedanken nicht an irgendwelchen Themen hängen bleiben, sondern einfach frei herumstreunen können wie Vagabunden nach einem ausgiebigen Mahl.

Selbst der behinderte Bettler löst sich in der Gegenwärtigkeit der bunten Folklore dieser indischen Strandszene zumindest als Problem auf, wenn auch nicht faktisch.

Neben mir liegt Krishnamurtis “On God”, tiefsinnige Reflektionen über die Transzendenz und unsere kindlichen Vereinfachungen des Transzendenten als Glaube an etwas Festes, auf das wir uns verlassen können wollen, um unter Kontrolle zu bringen, was nicht zu kontrollieren ist, vergebliche Versuche einer verzweifelten Absicherung seit Menschengedenken.

 Warum machen wir das? Weil wir nicht und nie bereit sind, diese Unsicherheit und Unwissenheit einfach gelten zu lassen und uns ihr auszuliefern und damit dem geglaubten Gott vielleicht näher kommen als mit all diesen eingebildeten Versatzstücken, die wir Religion nennen. Ethik und die Idee, gut sein zu wollen, kann auch zu einem Bollwerk gegen das Leben werden. Füllen wir uns mit der Idee des Mitgefühls und handeln im Sinne dieses Ideals in der Welt, kann das auch als eine Flucht aus unserer Unwissenheit und Bedeutungslosigkeit betrachtet werden, wir sind ausgestattet mit einem Sinn, einem Modell des Denkens und Tuns, der uns trennt von denen, die dieser Idee nicht folgen. Wir sind getrennt von dem Erleben des Gegenwärtigen, damit auch vom Leben mit seinem jeweiligen Ausdruck und seinen Möglichkeiten. Grosse Vorbilder wie Jesus oder Buddha stehen für Lebenskonzepte und Ideale, denen 100.000 de gefolgt sind und folgen. Es geht nicht darum, diese Denkmäler einzureißen oder zu entwerten, jeder Mensch ist schließlich das Resultat vormaliger “Denkmäler” in Gestalt all des Wissens und der Denkroutinen, die er in sich angesammelt hat. Es geht um eine Sensibilisierung und Wahrnehmung der Funktion dieses Wissens und dieser Ideale in den aktuellen Lebensbezügen. Das angesammelte Wissen, Bewertungen und Einstellungen füttern unseren Wunsch, weise oder bedeutend zu sein, besser oder wichtiger und erfolgreicher als andere zu sein und grenzen damit ab und schaffen ein Kluft, die Grundlage für Kampf und Konflikt ist.

Nicht das Wissen und die Einstellungen als solches müssen vernichtet werden, sondern nur der Wunsch, damit anders oder besser zu sein als ein anderer. Anders ausgedrückt: Es geht um die Funktion des Wissens und der Bewertungen als Schutzpanzer für unser kleines Ich.


Wie kann ein Mensch leben nach dieser Vernichtung dieses Ich-Wollens? Bin ich dann identisch mit dem Bettler vor mir     oder der Tuchverkäuferin?  Gebe ich mein Geld als Geschenk oder zahle überhöhte Preise für angebotene Tücher? Was treibt mein Handeln an wenn nicht Mitgefühl oder Besitzwünsche     oder das schlechte Gewissen des reichen Westlers? Bin ich denn nicht in einer Luxusnische der Weltgesellschaft auf Rosen gebettet und mit der Möglichkeit vielfältiger Handlungsalternativen ausgestattet? Was hat ein mittelloser indischer Händler von meinen Gedanken über das Denken und meine Zustände des Nichtdenkens?
Wenn es stimmt, dass alles in dieser Schöpfung miteinander kommuniziert und in Wechselwirkung miteinander steht, dann gibt es keine einzige Handlung oder keinen einzigen Gedanken, der bedeutungslos wäre und nicht irgendwo in irgendeinem Baumwipfel eine Resonanz und Schwingung hervorriefe. Alles hat Bedeutung.

Meine Bedingtheit ist durch Mittel und Voraussetzungen gegeben, durch Kultur, die Familie und Gesellschaft, die Zeitumstände, das kollektive Wissen, Veranlagungen usw.
Meine Freiheit ist demgegenüber nicht eine durch Mittel, durch Bücher, Gurus, Wissen oder Geld hervorgerufene Freiheit. Kein Mensch kann seine Freiheit durch Mittel erlangen. Auch in eine reiche oder gebildete Familie hineingeboren zu sein ist reine Bedingtheit und hat nichts mit Freiheit zu tun. Freiheit ist immer nur die Freiheit von der Vorstellung, dass ich mit irgendeiner    Idee oder Methode der Wirklichkeit oder Wahrheit näher komme als ein anderer. Alles ist Versuch, jeder Satz trägt das Fragezeichen und die Freude an der Negation oder Antithese schon in sich. Damit aber ist Transzendenz nicht mehr etwas außerhalb zu erreichendes, dem wir zu begegnen uns wünschen können, sondern ein inneres gegenwärtiges Erleben. Kurz gesprochen: Freiheit ist immer nur Freiheit von jeder Art von Identifikation. Diese Erfahrung, diese Möglichkeit und das Resultat in Form eines Handelns ohne Schablone hat aber Auswirkungen auf jede Begegnung, nicht nur die mit einem indischen Bettler oder einer Tuchverkäuferin. Es handelt sich also um ein nichtkonzeptionelles Sein, welches außerhalb der Schablone “gut – schlecht” oder “eigennützig – altruistisch” seinen Ausdruck findet. Eine Ethik außerhalb von Dualismen und Konzepten, aber aus einer umfassenden Verantwortung im Hinblick auf gegenwärtiges Erleben, Verstehen und Handeln.